Schorndorfer Zeitung
Rems-Murr-KuItur

Samstag, 20. Oktober 2001, Nummer 243

Er erforschte das Wesen des Lachens

Zum Tod des Backnanger Clowns, Regisseurs, Chansonniers und „Humorosophen" Frieder Nögge

Von unserem Redaktionsmitglied Peter Schwarz

Backnang.

Lachen hat nichts zu tun mit Oberflächlichkeit, auch wenn es im Zeitalter der „Comedy" manchem vorkommen mag, als sei Komik nicht mehr als schnell hingeplapperter und schnell vergessener Klamauk. In ihren intensivsten Momenten ist Komik immer auch ein Anlachen gegen die Tränen - sie hilft, in Abgründe zu blicken und den Anblick zu ertragen. Die größte Komik gewinnt ihre leucht­kräftigsten Konturen oft vor einem dunklen Bühnenhintergrund. Frieder Nögge war einer von denen, die in diesem Sinne das Wesen des Lachens bis auf den tiefsten Grund erforscht haben, er nannte sich selbst einmal einen „Humorosophen". Gegenüber dem Magazin „Spiegel" sprach er vor Jahren von einer „tief sitzenden Angst", die ihn dazu gebracht habe, schon als Kind sein Gesicht in Clownsfarben zu bemalen. In einem seiner Liedtexte findet sich der Satz: „Wer nix weiß, den trifft koin Schmerz." Diese Woche, im Alter von 46 Jahren, ist Frieder Nögge, der bundesweit beachtete Theaterclown, Regisseur, Chansonnier und Nachwuchsförderer, freiwillig in den Tod gegangen.

 

Der „Clown in vier Temperamenten" war sein Paradestück. 1978 spielte er erstmals die legendäre Charakterstudie um die vier medizinischen Typen nach Hippokrates - den Melancholiker, den Sanguiniker, den Phlegmatiker, den Choleriker; den Traurigen, den Glücklichen, den Faulen, den Wütenden. Dem Phlegmatiker galt erkennbar seine Sympathie: Während die drei anderen sich lautstark selbst entlarvten, betrachtete das Phlegma mit stillem Vergnügen und in sich ruhend diese menschliche Komödie. Wie viele Menschen scheint Nögge besonders geliebt zu haben, was ihm selbst unerreichbar blieb. Ein Satz in dem Stück lautete: „Kein anderer ist so, wie man selbst leider nie gerne sein kann." In diesem seltsam verschränkten Sprachgebilde, wo der Sinn, kaum, dass man seiner habhaft geworden zu sein glaubt, schon wieder ausbuchst mit jedem neuen Wort, in diesem Satz war auf kauzig-humoreske Art ein ganzes Weltgefühl enthalten: Die Sehnsucht nach etwas Bestimmtem mag erfüllbar sein - es gibt aber auch eine Sehnsucht an sich, namenlos, ohne Maß und Ziel, und dieses Gefühl ist seinem Wesen nach unstillbar.

Matrose, Komödiant, Lehrer, Förderer

  Nögge, geboren am 21. März 1955 in Göppingen, heuerte nach der Mittleren Reife auf einem Küstenmotorschiff als Matrose an, studierte Schauspiel in Hamburg, schloss mit Auszeichnung ab, wurde Clown und Kabarettist, gründete die dem Forum-Theater angegliederte Freie Kleintheaterschule Stuttgart, ging nach Differenzen mit der Theaterleitung nach Hamburg, war Hausnarr am schrägsten Varietee Deutschlands, dem legendären „Schmidt". 1995 gründete er das Nögge-Atelier-Theater in Backnang, 1997 die Schule für Improvisationstheater und Schauspiel, eine bundesweit einzigartige und viel beachtete Institution. Er gastierte in europäischen Metropolen von London über Amsterdam bis Zürich, förderte Kleinkunsttalente wie die A-cappella-Gruppe „Die Füenf", textete seinen Schülern abendfüllende Stücke auf den Leib oder schrieb für sie melancholische, oft sehr leise Chansons.

In einem der Lieder steht die Zeile: „Ich bin kein Halt für den, der mich hält." Nina Haun, die mit ihm das Backnanger Theater gründete, hat von ihm gesagt: „Er war wie eine Kerze, die an zwei Enden brennt, er ist permanent über seine Grenzen gegangen, aber wissentlich. Er wollte es so."

   Bildunterschrift unter einem hier nicht gezeigten Bild: 

Eine letzte Verbeugung. Schluss-Applaus. Wie aber wird es weitergehen mit dem Backnanger Atelier-Theater? Der Backnanger Oberbürgermeister und Theater-Fördervereinsvorsitzende Jürgen Schmidt hat erklärt, es sei eine „Verpflichtung", Nögges Erbe als Bühnen- und Theaterschul-Leiter fortzuführen. Näheres wird sich wohl erst in Wochen oder Monaten weisen.