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Sachbericht über den Verlauf der Schülerbegegnung im Rahmen eines Arbeitsprojektes in Rischkowo und St.Petersburg mit der Klasse 12b (2001-2002) der Freien Waldorfschule Engelberg vom 9.Juli bis 23.Juli 2002 

 

Nach einem Flug ohne Probleme von Stuttgart nach St.Petersburg via Prag landeten wir um 16 Uhr Ortszeit in St.Petersburg, wo wir von drei Persönlichkeiten, die unseren Aufenthalt in Rußland auf verschiedene Weise bestimmen werden, empfangen wurden. Es handelte sich um unsere Dolmetscherin und Stadtführerin für die Zeit in St.Petersburg, die uns ein ausge-sprochen reichhaltiges Programm vorbereitet hat, um eine Kindergartenlehrerin, die uns in der selben Zeit Unterkunft in den Räumen des Kindergartens sichern und für die gute Verpflegung sorgen wird, und schließlich um unseren Betreuer in Rischkowo (ein kleines Dörfchen 150 km nördlich von St.Petersburg), der an diesem Ort als Lehrer in der Grundschule tätig ist und das Landschulheim „Scholnyi Dom“ betreut. Er hat die Strapazen einer langen Fahrt auf sich genommen, um uns für die Busfahrt nach Rischkowo zu begleiten.

Etwa um 20 Uhr kamen wir in Rischkowo an und wurden von der Familie unseres Betreuers empfangen und mit einem russischen Abendessen versorgt. Wir werden in diesen 9 Tagen nur „russisch“ essen und zwar eine gute und gesunde Küche, die vorwiegend aus Kohl als Hauptgemüse besteht. Zu bemerken ist noch, dass wir jeden Tag, wie am ersten Abend „sehr spät“ schlafen gingen.Wir kamen nämlich noch in die Zeit der weißen Nächte, wo die Sonne in der Nacht kaum untergeht, so etwa um 22 Uhr, um wieder sehr früh, etwa 4 Uhr zu scheinen, so dass es die ganze Nacht hell bleibt. In den nächsten Tagen bis 18. Juli wird die Klasse in verschiedenen Arbeitseinsätzen an der Einrichtung eines zukünftigen Landschulheim teilnehmen.

Wir beginnen mit dem Wegräumen der Schutthalde, die aus dem Brand des Haupthauses in der Nacht des 24.Nov.2001 entstanden ist. In unzähligen Stunden harter Arbeit in der prallen Sonne wurde 8 Tage lang mit Schaufeln und Schubkarren die Steinfundamente des Hauses freigelegt. Diverse Materialien wurden sortiert - Metall, Backsteine, unbrauchbarer Restschutt. Es soll nämlich später ein neues Haus entstehen, das als Landschulheim für Kinder der Schulen aus St.Petersburg dienen soll.

Eine zweite Gruppe war mit Isolierungsarbeiten im Nebengebäude, einem ökologischen Haus, das im Rohbau durch Berufsschulstudenten aus Norwegen errichtet worden war, beschäftigt. Es soll als Wohnhaus für die Familie dienen, die durch den Brand ihr ganzes Hab und Gut verloren hat.

Eine dritte Gruppe war diese 8 Tage im Garten tätig und schaffte es, den Garten, der in wildem Zustand war, wieder sauber zu pflegen. Dies war eine sehr wichtige Arbeit, wenn man bedenkt, dass die Familie mit 5 Kindern auf eigenes Gemüse angewiesen ist für ihre tägliche Nahrung und auch als Wintervorrat.

Die vierte Gruppe hat jeden Tag mit der Hausmutter für 36 Personen gekocht und mit sehr einfachen, bescheidenen und teilweise primitiven Mitteln, für den „Haushalt“ in einer provisorischen Baracke ohne fließend Wasser, ohne richtige Sitzgelegenheiten usw. gesorgt.

Um so wichtiger war die fünfte Gruppe, die in diesen acht Tagen sechs große Bänke und zwei große Tische gezimmert hat, dazu diverse Küchengeräte aus Holz geschnitzt oder geschreinert.

Eine sechste Gruppe half täglich in der Nachbar-Einrichtung „Svetlana“ bei der Heuernte, Garten- und Ackerpflege, oder bei Bauarbeiten. Es handelt sich um eine Einrichtung für geistig behinderte Menschen.

Bei allen diesen Arbeiten gab es immer wieder Möglichkeiten für Begegnungen mit vielen Menschen aus der Umgebung, vorwiegend Jugendliche. Sogar jüngere Kinder kamen, um bei der Arbeit zuzuschauen und scheuten nicht mitzuhelfen, so dass man von echten Begegnungen sprechen kann, auch wenn diese nicht „organisiert“ waren. Schließlich sind ja in Rußland im Juni, Juli und August Ferien und die Schulen sind alle geschlossen. Es war wirklich schön, diese Begegnungen zu erleben, bis tief in der Nacht an der Feuerstelle mit Gesprächen und Liedern. Die SchülerInnen haben ein Land kennengelernt auf einer ganz anderen Weise als üblich, d.h. nicht als Konsumenten, sondern als Teilnehmer an der täglichen Arbeit.

Ein Besuch an einem freien Tag in einer der ältesten Stadt Rußlands (Stara-Ladoga), ermöglichte auch durch eine gekonnte Führung einen lebendigen Einblick in der Geschichte Rußlands zu bekommen. Auch das gemeinsame Leben mit der Familie, die nur Russisch sprach war, war ein Beitrag zu der gewünschten Ost-West-Verständigung! Nie wären die SchülerInnen in ein kleines Dorf im Hinterland, unter sehr primitive Verhältnissen gekommen, wenn sie sich nicht ein Ziel gesteckt hätten.

Der zweite Teil der Reise war eine Begegnung mit der Großstadt Sankt-Petersburg.

Nach einer wiederum 3-stündigen Busfahrt von Rischkowo nach St.Petersburg, wurden wir in den Räumen eines Kindergartens einquartiert und mit einem köstlichen russischen Mittagessen bewirtet. (Aus obengenannten Grund können wir nicht, wie ursprünglich vorgesehen, in den Räumen der Schule „Schkola Datschnom“ übernachten, und auch die Begegnung mit der russischen Klasse kann nicht stattfinden). Um 17 Uhr ging es schon los mit einen Stadtrundgang, so dass wir einen ersten Eindruck gewinnen konnten von dieser prachtvollen Stadt, die auf den Sümpfen des Newa Deltas ab 1703 von Peter I gebaut wurde. Wir erfahren dann, dass in jener Zeit über 200.000 Menschen zur Mithilfe am Aufbau der Stadt mehr oder weniger gezwungen worden waren. Am Abend konnten wir einer Ballettaufführung beiwohnen und damit den kulturellen Teil dieser Reise eröffnen. Der nächste Tag war der Isaak-Kathedrale gewidmet, einem prachtvolles Gebäude mit viel Gold und Edelsteinen, das auf 20.000 Baumstämmen, die man in den sumpfigen Boden gestampft hat, errichtet worden war. Danach folgte eine Schiffrundfahrt auf den Kanälen und Nebenarmen der Newa, die uns ein sehr eindrucksvolles Bild der Stadt mit ihren zahlreichen, fast nicht zerstörten, jedoch renovierungsbedürftigen Paläste gab, daher auch der Beiname „Venedig des Norden“.

Am Nachmittag hatten wir unsere erste Begegnung im Deutschen Zentrum an der Petri-Kirche mit Jugendlichen, die in dieser Ferienzeit für uns extra da geblieben waren. Diese Begegnung wurde vermittelt durch die DJO (Deutsche Jugend in Europa). Es war für die SchülerInnen die Gelegenheit junge RussenInnen näher kennen zulernen und Gespräche und Gedanken miteinander auszutauschen. Verabredungen für ein Treffen in Deutschland wurden angedacht. Auch am nächsten Tag fanden einzelne Zusammenkünfte statt.

Am Samstag ging es auf eine Exkursion außerhalb der Stadt zum Peterhof, eine Sommerresidenz der Zaren, ähnlich wie Versailles. Es war auch sehr beeindruckend, mit dem Bus die prunkvolle Stadt zu verlassen, durch die Vorstadt zu fahren und erleben müssen, dass nicht überall in St.Petersburg es so „schön“ und renoviert ist wie im Zentrum! Die Rückfahrt wurde dann per Tragflächenboot über den Finnischen Meerbusen und über die Newa unternommen, so dass wir auch die vielen riesigen Brücken bewundern konnten, die sich jede Nacht für 2-3 Stunden öffnen für den Verkehr der großen Schiffe.

Der Sonntag wurde ganz der Eremitage (eines der größten Museen Europas) gewidmet. Hier startete die Revolution in der Nacht vom 24. auf 25 Oktober 1917 durch den Sturm auf den Winterpalast .Viele Stunden weilten wir in den unzähligen Galerien, wo die ganze Kultur der Menschheit in Gemälden, Plastiken und anderen Objekten, von der Moderne bis zurück in die Steinzeit, zu sehen sind. Am Abend durften wir noch eine zweite Ballettaufführung, „Schwanensee“ von Peter Tschaikowski genießen, was einen Höhepunkt der kulturellen Begegnung mit dem Land darstellte. Der letzte Tag stand zur freien Verfügung, was noch ermöglichte, nach Interesse oder Bedürfnis hier und da eine Besichtigung zu machen oder ganz einfach den Puls der Stadt in Ruhe wahrzunehmen.

Am 23.Juli nahmen wir am Vormittag Abschied von unserer Dolmetscherin und Begleiterin und von den Kindergartenlehrerinnen, die für die Verpflegung in diesen 5 Tage gesorgt hatten.

Eine sehr gelungene Reise, wenn man zurückblickt auf die zahlreichen Begegnungen die wir hatten. Vor allem sind sehr viele Vorurteile , die manche SchülerInnen gegenüber dem Osten bzw. gegenüber Rußland hatten abgebaut worden, und das schon ist diese Projektreise und die vielen Strapazen der Vorbereitung der Mühe Wert gewesen.

Albert Roche

Engelberg am 8.August 2002

 
 

Anmerkung:

Die Schülerbegegnung wurde von FEE e.V. unterstützt.

 
 
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